Verborgen im Unterholz – Die geheimnisvollen Skilifte am Tête du Costet

Die Spitzkehre am Ende der neu asphaltierten Straße kommt ins Blickfeld. Rechter Hand geht es noch ein Stück weiter den Berg hinauf. Links liegt auch der kleine Schotterplatz, der auf dem Luftbild gut zu erkennen war. Kein Zweifel, hier muss es sein.

Es ist ein kühler Herbstmorgen im November. Der Boden ist von Reif überzogen, abwechselnd fallen lautlos bunte Blätter und kleine Wassertropfen von den umliegenden Bäumen auf selbigen. Doch nach den vielen grauen Tagen kündigt sich an diesem Vormittag eine Wetterbesserung an. Und damit ist endlich die Zeit gekommen für die Erkundung eines Mysteriums, das mir seit Monaten keine Ruhe lässt.

Trübe Herbststimmung in den Vogesen

Noch sorgt der trübe Himmel aber für eine triste Stimmung. Die Straßen sind leergefegt, die umliegenden Ferienhäuser verlassen, die Läden verrammelt. Die übliche Impression während der Nebensaison in vom Tourismus geprägten Gegenden. Alles wartet und hofft auf eine erste erfolgreiche Skisaison nach dem coronabedingten Totalausfall des vorangegangenen Winters. Ich befinde mich etwas oberhalb des Zentrums der Stadt Gérardmer, die sich am östlichen Ende des gleichnamigen Sees befindet. Der Ort liegt inmitten der Vogesen und gilt seit Jahrhunderten als Perle des Gebirgszugs im Nordosten Frankreichs. Bereits im Jahr 1875 entsteht hier das erste Tourismusbüro im Hexagone, lange Jahre profitiert die Entwicklung des Fremdenverkehrs von einer Eisenbahnanbindung.

Bis heute ist die Gegend um Gérardmer touristisch geprägt. Und wie an vielen anderen Orten in den Vogesen hat auch hier der Wintersport eine lange Tradition. Das zweitgrößte Skigebiet der Vogesen erstreckt sich über die bewaldeten Hänge der Mauselaine und Chaume Francis oberhalb der Stadt. Bereits seit den 60er Jahren verrichten hier unzählige der landestypischen Stangentellerlifte ihren Dienst.

Schon viele Male war ich hier in Gérardmer. Um skizufahren, um zu wandern, um die fabelhafte Aussicht von den Vogesengipfeln bis hin zu den Alpen zu genießen. Doch heute bin ich aus einem anderen Grund hier. Denn ein Eintrag in einer Referenzliste mit Bezug zu einem namhaften Schweizer Seilbahnhersteller hat mich stutzig gemacht.

Lac de Gérardmer

Ein mysteriöser Listeneintrag als Ausgangspunkt

Willy Bühler zählt in den 60er und 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts zu den Pionieren des Schweizer Skiliftbaus. Seine standardisierten und kompakten Konstruktionen sind günstiger in der Herstellung als die der direkten Konkurrenz und wegweisend für den Seilbahnbau insgesamt. Bühler ist es, der ab Ende der 60er Jahre als erster auf eine hydraulikbasierte Abspannung des Förderseils setzt und so auf Konstruktionen mit schweren Spanngewichten verzichten kann. Ein Prinzip, das später bei nahezu allen Seilbahnen zum Standard wird. Als ideal erweist sich das System insbesondere auch für Gletscherlifte, die wegen der Eisbewegungen regelmäßig versetzt werden müssen. Die Konstruktionen von Bühler dringen dadurch bis in die höchsten Regionen der Alpen vor.

Die Innovationskraft des kleinen Unternehmens bleibt auch den Platzhirschen im Seilbahnbau nicht verborgen. Und so kommt es dazu, dass der Berner Von-Roll-Konzern die Firma Bühler 1975 übernimmt und die Konstruktionen fortan unter eigenem Namen vertreibt. In seiner vergleichsweise kurzen Geschichte im Seilbahnbau bleibt Bühler der große internationale Durchbruch daher verwehrt. Die überwiegende Mehrheit seiner Anlagen entsteht auf eidgenössischem Boden. Vereinzelt liefert die Firma jedoch auch ins benachbarte Ausland. Ein knappes Dutzend Anlagen findet sogar seinen Weg nach Nordamerika.

Die Recherche am Tête du Costet beginnt

Auch nach Frankreich kann Bühler einige Anlagen exportieren. Teilweise entstehen baugleiche Skilifte dort auch durch lokale Lizenznehmer. Und genau zwei solche Skilifte nach Bauweise Bühler sollen sich hier befinden, in den Vogesen, in Gérardmer. Ein früher Vorläufer der heutigen Aufstiegshilfen? Die Bezeichnung Tête du Costet lässt eine Zugehörigkeit zumindest vermuten. Eine Straße ganz in der Nähe des heutigen Skigebiets trägt diesen Namen. Doch die technischen Daten passen nicht zum Relief der Hänge an der Mauselaine. Zu kurz, zu steil, zu niedrig.

Ich weite meine Recherche daher aus. Mit ihrer ausgesprochen geringen Höhenlage zwischen 720 und 870 Metern müssen sich die Lifte in der Nähe des Ortes befunden haben. Vermutlich an einem Nordhang, denn schon zum Zeitpunkt ihres Baus in den 60er Jahren dürfte nur dort eine halbwegs sichere Schneelage vorhanden gewesen sein. Und tatsächlich. Auf einem historischen Luftbild des nationalen französischen Instituts für Geografie entdecke ich schließlich unweit des heutigen Skigebiets zwei verdächtig erscheinende Objekte. Auf der Nordseite des Tête du Costet sind 1968 in der Tat zwei Skilifte erkennbar. Der charakteristische Schattenwurf der Stützen lässt keine Zweifel aufkommen. Es muss sich um die beiden gesuchten Lifte handeln.

Während der Bereich seinerzeit wohl landwirtschaftlich genutzt wird, zeigt ein Blick auf ein aktuelles Luftbild an dieser Stelle dichten Wald. Der Betrieb an den Liften muss bereits früh aufgegeben worden sein, denn schon auf Aufnahmen aus den 70er Jahren sind die heutigen Bäume in kleinerer Form erkennbar. An der früheren Bergstation des oberen der beiden Lifte steht heute ein Haus. Dass hier quasi mitten im Ort noch Spuren zu finden sind, scheint nach all der Zeit eigentlich ausgeschlossen.

Auf der Suche nach Überresten am Waldrand

Doch bei genauerem Studium einer aktuellen Luftaufnahme sticht mir etwas ins Auge. Zwar sind auch im Bereich der Talstation während des letzten halben Jahrhunderts einige Häuser hinzugekommen. Aber genau dort, wo sich der Lift befand, ist der Hang noch unbebaut. Exakt am Standort der Talstation ist außerdem ein braunes Gerippe erkennbar. Nur ein paar Sträucher? Ein alter Baum? Oder vielleicht doch ein paar Seilbahn-Überreste?

Genau das versuche ich an diesem Novembervormittag vor Ort herauszufinden. Auf dem kleinen Schotterplatz am Rande des Chemin de la Basse des Rupts lasse ich das Auto stehen und mache mich zu Fuß auf die Suche. Weil nirgendwo jemand zu Hause ist, kann ich glücklicherweise ungestört und unbeobachtet zur Tat schreiten. Ich laufe einen kurzen Straßenstich bergauf, um hinter die Häuser sehen zu können, an denen ich mich auf dem Luftbild orientiert habe.

Ferienhäuser in Gérardmer

Ein wirklicher Unterschied zur Vorderseite ist erstmal nicht auszumachen. Auch hier treffe ich auf einen verlassenen Parkplatz und unzählige Brennnesseln. Nichts Verdächtiges zu erkennen, stelle ich ernüchtert fest. Doch plötzlich schimmert zwischen ein paar knorrigen Ästen etwas hervor. Vor dem unruhigen und gleichfarbigen Hintergrund fällt das Gebilde auf den ersten Blick nicht weiter auf. Nur schemenhaft sind die Umrisse eines verrosteten Stahlträgers erkennbar. Es dauert einen Moment, bis ich die Realität fassen kann. Am Waldrand steht tatsächlich die nahezu vollständig erhaltene Talstation eines Skilifts.

Schaltkasten mit verrosteten Stahlträgern

Stillgeleter Skilift in Gérardmer

Ein mumifizierter Skilift

Mit einem Mal macht sich Euphorie breit. Über eine völlig durchnässte Wiese kämpfe ich mich zur Station vor. Rost ist hier allgegenwärtig, unzählige Bäume haben sich während des letzten halben Jahrhunderts ihren Weg gebahnt. Die Natur am Tête du Costet kämpft sich mit aller Kraft zurück. Von weitem ist die Station kaum mehr als solche zu erkennen. Doch selbst die Schaltschränke, die Rollenbatterien und die Umlenkscheibe befinden sich noch an Ort und Stelle. Lediglich das Spanngewicht liegt von Moos überzogen am Boden. Der Lift stammt noch aus der Zeit, als selbst Bühler noch auf eine konventionelle Abspannung des Förderseils mit Gewichten setzt. Er ist damit gewiss eines der letzten noch vorhanden Exemplare mit dieser Bauweise.

Verrostete Umlenkscheibe und Rollenbatterien

Talstation eines stillgelegten Skilifts am Waldrand

Bei genauerem Hinsehen staune nicht schlecht, dass auch das Förderseil noch vorhanden ist. Die Rollenbatterien hängen zwar etwas windschief in der Luft, das Seil läuft aber noch dazwischen hindurch. Womöglich ist die Talstation nicht das einzige Relikt, das noch übrig ist? Zumindest die historischen Luftbilder deuten darauf hin, dass die beiden Lifte noch lange nach der Betriebseinstellung unverändert herumstanden. Wegen des immer dichteren Waldes sind ab den 90er Jahren aber keine Details mehr auf den Aufnahmen auszumachen. Hat man sie womöglich gar nie rückgebaut?

Stillgeleter Skilift in Gérardmer

Ich versuche am Waldrand etwas zu erkennen, aber das Dickicht oberhalb der Talstation ist undurchdringbar. Das Seil verschwindet zwischen den Ästen, an ein Durchkommen ist jedoch nicht zu denken. So führt mich der Weg zunächst ins heutige Skigebiet an der Mauselaine. Von dort aus soll es einen kleinen Weg geben, der den Hang auf halber Höhe durchquert. Die Hoffnung, an dieser Stelle noch auf weitere Relikte zu treffen, scheint nach dem erfolgreichen Auftakt nicht unberechtigt.

Rückkehr in die Gegenwart an der Mauselaine

An der Mauselaine deutet an diesem Vormittag rein gar nichts darauf hin, dass nur wenige hundert Meter entfernt ein solch rätselhaftes Skilift-Mysterium sein Dasein fristet. Der geräumige Parkplatz am Haupteinstiegspunkt in das heutige Skigebiet von Gérardmer ist weitgehend leer, nur am hinteren Ende haben ein paar Wanderer ihre Autos abgestellt. Unter einer Sesselbahn neueren Datums und verschiedenen Skiliften bahnen sie sich ihren Weg in Richtung des Grand Haut, dem mit 1100 Meter zweithöchsten Punkt des Skigebiets.

Parkplatz im Skigebiet Mauselaine in Gérardmer

Talstation der Sesselbahn Grand Haut in Gérardmer

Sesselbahn und Skilift Grand Haut in Gérardmer

Für den Weg in Richtung Tête du Costet scheint sich dagegen niemand zu interessieren. Etwas unscheinbar liegt der Zugang zu dem schmalen Pfad hinter einem Skiverleih. Wer den Weg nicht bewusst sucht, wird ihn vermutlich kaum finden. Abenteuerlich ist er entlang des steil abfallenden Hangs trassiert. Bei dem vom Regen der Vortage völlig durchgeweichten Untergrund will jeder Schritt gut geplant sein. Dass der Weg gemäß einem auf dem Boden liegenden Holzbrett zu allem Überfluss noch den Namen Chemin du Pendu (Weg des Gehängten) trägt,  macht die Sache auch nicht gerade vertrauenserweckender. Wirklich mulmig wird mir dann aber, als ein Warnschild darauf hinweist, dass in diesem Bereich die Jagd im Gange ist. Da in Frankreich bekanntermaßen gut und gerne auch am helllichten Tag auf alles geschossen wird, was sich bewegt, ist die Suche nach Skiliftüberresten im Unterholz unter Umständen nicht die allerbeste Idee.

Chemin du Pendu à Gérardmer

Warnschild vor Jagdaktivitäten in Frankreich

Immer tiefer in den Wald

Doch die Neugier und Abenteuerlust lassen die aufkommenden Zweifel schnell verfliegen. Immer tiefer geht es in den Wald hinein und schon bald ist von der mittlerweile durch die Wolken scheinenden Sonne nichts mehr zu sehen. Phasenweise ist der Weg durch die Dunkelheit und die nassen Blätter auf dem Waldboden kaum mehr auszumachen.  Nach einer Weile treffe ich auf eine Verzweigung. Rechter Hand geht es hinab in Richtung des unteren Waldrandes. Ich wähle dagegen vorerst den Pfad, der weiter geradeaus am Hang entlang führt.

Wanderweg am Tête du Costet

An einer kleinen Kuppe bleibe ich kurz stehen, um mich zu orientieren. Hangaufwärts erblicke ich mehrere vergleichsweise kleine Bäume, die sich hier irgendwie nicht so recht ins restliche Erscheinungsbild einfügen wollen. Auch das Gelände entpuppt sich bei genauerem Hinsehen an dieser Stelle als unnatürlich. Die Terrassierung des Untergrunds leicht schräg zum Hang spricht eine eindeutige Sprache. Bei der fast vollständig zugewachsenen Schneise muss es sich um die Trasse von einem der beiden Skilifte handeln. Instinktiv drücke ich ein paar Äste zur Seite und mache ein paar Schritte bergauf, muss aber schon bald feststellen, dass hier kein Durchkommen möglich ist. Auch Überreste in Form von Stützen oder Fundamenten kann ich keine ausmachen.

Waldschneise mit ehemaliger Skilifttrasse

Mystische Stimmung im Wald

Es dauert eine Weile, bis ich zwischen den Bäumen hindurch eine Route zurück zum Weg gefunden habe. Dort angekommen will ich schon weiterlaufen, als ich im Augenwinkel auf einmal ein mir wohlbekanntes Muster wahrnehme. Ein paar Stahlträger, ein Antriebsblock, eine gelbe Umlenkscheibe. Direkt vor mir steht sie, die Talstation des zweiten Skilifts.

Versteckte Talstation eines Skilifts im Wald

Der obere Skilift am Tête du Costet

Nun gibt es keinen Zweifel mehr. Die Lifte am Tête du Costet wurden offenbar tatsächlich nie abgebaut, sondern rosten seit der Betriebseinstellung Anfang der 70er Jahre hier im Wald vor sich hin. Auch von der oberen Sektion ist die Talstation noch annähernd vollständig erhalten. Allerdings fehlen hier im Gegensatz zur unteren Anlage die Rollenbatterien und auch der Schaltkasten ist nicht mehr an den Stationsträgern befestigt. Ich finde ihn schließlich wenige Meter unterhalb der Station, von Moos überzogen und schon halb im Waldboden versunken.

Verrottete Skilift-Talstation von Bühler im Wald

Überreste eines Schaltkastens im Waldboden versunken

Skilift-Überreste im Wald

Isolatoren mit Moos überzogen

Die Erkundung rund um die Talstation bringt noch weitere Details zum Vorschein. Neben der Station treffe ich auf zwei Holzpfähle, vermutlich Teil einer Stromleitung vom Tal zum oberen Lift. Gleich neben dem Weg liegen zwei verdächtig daherkommende Rohre, die ich im ersten Moment für Baumstämme halte. Doch bei genauerem Hinsehen wird klar – es sind die Schäfte der beiden Stützen des Skilifts. Inklusive der Aufhängungen für die Rollenbatterien, die sich gleich daneben befinden. Auch hier sind die zugehörigen Rollen jedoch unauffindbar.

Teile einer ehemaligen Stromleitung zum Skilift Tête du Costet

Zugewachsene Skilift-Stützen im Wald

Zugewachsene Skilift-Stützen im Wald

Ehemalige Rollenbatterien auf dem Waldboden am Tête du Costet

Stahlträger der Skilift-Talstation am Tête du Costet

Dafür lugt das aufgewickelte Förderseil zwischen den vielen Blättern auf dem Waldboden hervor. Und schließlich entdecke ich auch die Träger und die Umlenkscheibe der Bergstation. Es ist kaum zu fassen. Der komplette Skilift Tête du Costet liegt neben seiner Talstation im Unterholz vergraben. Notdürftig auf einen Haufen geworfen, wohl unter der Annahme, dass ihn hier niemals jemand suchen wird. Der Verbleib des oberen Skilifts scheint damit geklärt. Doch eine Frage bleibt. Wie kommen diese Teile hierhin?

Aufgewickeltes Drahtseil im Wald

Verrostete Stahlträger der ehemaligen Skilift-Bergstation

Skilift-Umlenkscheibe im Unterholz am Tête du Costet

Verrostete Skilifte-Teile im Wald

Verrosteter Skilift in Gérardmer in den Vogesen

Auf der Suche nach Antworten

Ein genaueres Studium der historischen Luftbilder offenbart, dass der obere Skilift noch bis mindestens Ende der 70er Jahre unverändert an Ort und Stelle stand. Erst als in den 80er Jahren die heute noch existierenden Ferienhäuser am Tête du Costet gebaut werden, verschwindet die Bergstation. Diese Erkenntnis lässt nur einen Schluss zu. Beim Bau der Häuser, also über ein Jahrzehnt nach der Betriebseinstellung, muss die obere Sektion teilweise rückgebaut worden sein. Doch anstatt die Bergstation und die Stützen abzutransportieren, entsorgt man sie damals neben der Talstation im dunklen Wald.

So ähnlich müssen sich wohl die Spaziergänger fühlen, die in Kriminalfällen immer irgendwelche schlecht vergrabenen Leichen im Wald finden, denke ich, als ich meinen Weg fortsetze. In dem Fall geht es zum Glück nur um eine Liftleiche, doch ein etwas makabrer Beigeschmack bleibt. Aber genau das macht eben das Abenteuer aus.

Eine Lichtung, aber kein Lichtblick

Ganz zu Ende ist die Suche nach Überresten mit der Entdeckung des zweiten Lifts dann aber doch noch nicht. Irgendwo in der Nähe muss sich die Bergstation der unteren Sektion befinden. Da an dieser Anlage scheinbar auch das Förderseil noch montiert sein dürfte, sollte das Auffinden eigentlich keine große Aufgabe sein. Doch entlang des Weges ist einmal mehr nicht wirklich viel zu erkennen. Ohne zu wissen, wo man genau suchen muss, ist es bei dem dichten Bewuchs kaum möglich, irgendwelche Seilbahntechnik zu erspähen. Nach einigen hundert Metern erreiche ich schließlich eine Lichtung. Ein Teil der ehemaligen Skipiste?

Lichtung im Wald an der Mauselaine in Gérardmer

Auch im weiteren Verlauf des Pfads ist nichts Verdächtiges auszumachen. Keine Station, keine Stütze und insbesondere auch kein Förderseil. Ich beschließe, zurück zu der Weggabelung zu laufen, um mein Glück auf dem unteren Weg zu versuchen. Dieser müsste den Skilift in jedem Fall kreuzen.

Doch nur wenige Schritte von der Lichtung entfernt verfängt sich mein Bein auf einmal in einem Kabel, das auf dem Boden liegt. Ein Weidezaun? Ein Förderseil ist es jedenfalls nicht. Dennoch kommt mir die Sache verdächtig vor. Ich folge dem Kabel einige Meter hangaufwärts. Langsam dämmert mir, um was es sich hierbei handeln könnte. Es ist das Kommunikationskabel, das die Tal- mit der Bergstation des unteren Skilifts verbindet. Und es dauert nicht lange, da finde ich, was ich suche. Nur wenige Meter oberhalb des Waldwegs, aber dennoch kaum zu erkennen, steht die Bergstation des unteren Schlepplifts.

Kabel auf dem Waldboden

Verborgen im Unterholz des Tête du Costet

Ich bahne mir meinen Weg zwischen den Ästen hindurch zur oberen Umlenkscheibe. Bis auf die rückseitigen stabilisierenden Träger ist auch an dieser Station noch alles vorhanden. Sogar die charakteristischen Rollen mit ihrer roten Farbe hängen hier noch herum. Einzig das Förderseil ist wie vom Erdboden verschluckt.

Verrosteter Skilift in Gérardmer in den Vogesen

Skilift Tête du Costet im Unterholz

Bergstation des unteren Schlepplifts am Tête du Costet

Verrostete Skilift-Rollenbatterien

Nach einiger Suche treffe ich das Seil im steilen Gelände ein gutes Stück unterhalb der Station an. Nur einzelne Abschnitte schauen noch aus dem Boden hervor, der Rest liegt begraben unter Blättern, Moos und Erde. Irgendwann in den letzten 50 Jahren muss es hier einmal gewaltig gekracht haben, als das Seil – vermutlich ausgelöst durch irgendeinen umgefallenen Baum – von der Umlenkscheibe in der Bergstation gesprungen und durch den Wald geflogen ist.

Skilift-Drahtseil im Waldboden

Weit ist es dank der unzähligen anderen Bäume nicht gekommen. Auf der höchst wahrscheinlich einzigen Stütze des unteren Lifts liegt es sogar noch teilweise auf den Rollenbatterien auf. Die Stütze ist abermals aus der Entfernung nicht von den umliegenden Bäumen unterscheidbar und erst als solche erkennbar, als ich direkt vor ihr stehe. Sie befindet sich direkt neben dem unteren der beiden Waldwege, auf den ich hier nach meiner zwischenzeitlichen Kraxelei durchs Gelände treffe. Sechs Rollen auf jeder Seite, ein Förderseil, von Ästen teils gestützt, teils gen Boden gedrückt, und ein massives Fundament haben die Zeit hier überdauert. Wie ein Denkmal steht die Stütze da, als Erinnerung an die Zeit, in der an diesem Hang der Traum eines kleinen Skigebiets Realität wurde.

Silhouette einer Skilift-Stütze im Wald

Skilift-Stütze von Bühler am Tête du Costet

Drahtseil eines Skilifts im Wald

Ein Geheimnis bleibt

Wie viele Skifahrer an dieser Anlage wohl einst eine Bergfahrt bestritten haben? Wer die Initianten dieses Skigebiets waren? Warum das schnelle Ende folgte? Antworten auf diese Fragen kann auch die Erkundung vor Ort nicht geben. Informationen zu diesem Skigebiet sind unauffindbar. Keine Erwähnungen in einschlägiger Literatur, keine Details, bis wann die Lifte letztlich tatsächlich in Betrieb waren, ob sie überhaupt je den Betrieb aufgenommen haben. Keine Belege für eine Anbindung an die ebenfalls Ende der 60er Jahre gebauten ersten Skilifte an der Mauselaine.

Die Skilifte am Tête du Costet bleiben ein Phantom, ein Mysterium, das seit mittlerweile einem halben Jahrhundert unentdeckt im Schutz des dichten Mischwaldes von Gérardmer verborgen liegt. Ob das Geheimnis ihres Ursprungs und ihrer vollständigen Geschichte je gelüftet werden kann? Gegenwärtig bleibt diese Frage offen. Sicher ist hingegen, dass die verborgenen Überreste hier wohl noch lange Zeit an die Vergangenheit erinnern werden. Mögen sie noch weitere 50 Jahre in Frieden ruhen.

Verrottete Skilift-Talstation von Bühler im Wald

Verrosteter Skilift in Gérardmer in den Vogesen

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