Abschiedsfahrt an der Kampenwand in Aschau

Aschau in den 50er Jahren. Ein verschlafenes Dorf mitten im Chiemgau. Der Tourismus in der noch jungen Bundesrepublik erholt sich erst nach und nach von den Wehen des Kriegs. Doch speziell die Region rund um den Chiemsee und die bayerischen Voralpen profitiert von der Nähe zu München. Mit steigendem Wohlstand leisten sich immer mehr Menschen Ausflüge in die ruhige Natur, um dem grauen Alltag zumindest kurzzeitig zu entfliehen.

Aschau im Chiemgau

Nicht nur die Seen, sondern auch die Berge ziehen in der Folge immer häufiger Touristen an. Das Panorama von den ersten hohen Alpengipfeln auf die Ebene ist so imposant, dass Wanderer in Scharen zu den schönsten Plätzen aufbrechen. Auch die Kampenwand oberhalb von Aschau zählt zu diesen Plätzen. Um den Gästen einen anstrengenden Aufstieg zu ersparen, beginnen schon früh Überlegungen, die Kampenwand per Seilbahn zu erschliessen. Solche Attraktionen erfreuen sich immer grösserer Beliebheit. Seit Anfang der 50er Jahre sind in den benachbarten Tälern am Spitzingsee, am Tegernsee oder in Ruhpolding namhafte Aussichtsgipfel durch Seilbahnen zugänglich gemacht worden. Auch in Aschau soll eine derartige Bahn daher nicht mehr länger auf sich warten lassen.

1957 ist es schliesslich soweit. Wie an zahlreichen anderen Orten soll eine kapazitätsstarke Zweiseilumlaufbahn mit vierplätzigen Kabinen die Kampenwand auf direktem Weg von Aschau aus erschliessen. Die Bahnen mit getrenntem Trag- und Zugseil vereinen die Vorteile einer klassischen Grosskabinenpendelbahn und einer Anlage mit umlaufendem Zugseil. So lassen sich lange Spannfelder zwischen einzelnen Stützen realisieren, ohne dass jedoch die Förderleistung wie bei einer Pendelbahn mit steigender Streckenlänge sinkt. Die Idee geht zurück auf den Salzburger Ingenieur Georg Wallmannsberger, der mit zwei Konstruktionsideen in den 30er und 40er Jahren die Seilbahnwelt revolutionierte. Nach dem zweiten Weltkrieg fand er mit den Firmen Bell, Girak und Wiener Brückenbau mehrere Abnehmer für seine Ideen, die daraufhin ab 1950 im Alpenraum Verbreitung fanden.

Unikat von Hasenclever an der Kampenwand

In Aschau soll jedoch keiner der bekannten Seilbahnhersteller den Zuschlag erhalten. Stattdessen geht der Auftrag an die Düsseldorfer Maschinenfabrik Hasenclever. Der Hersteller ist zwar gemessen an der Zahl der erstellten Anlagen weitaus weniger bedeutend als die nationale Konkurrenz aus dem Hause Pohlig und Heckel, aber in der deutschen Seilbahnlandschaft kein Unbekannter. Zwischen 1953 und 1954 kann Hasenclever in Westdeutschland mehrere fix geklemmte Zweiersesselbahnen eröffnen. Die Konstruktionen zeichnen sich durch ihre Robustheit aus und sind während Jahrzehnten tadellos im Einsatz. Die Sesselbahn Vierseenblick in Boppard ist heute sogar noch immer weitgehend im Originalzustand erhalten. Auch im europäischen Ausland kann Hasenclever einige Anlagen erstellen. So entstehen eine weitere Sesselbahn in Belgien und eine Luftseilbahn in Norwegen.

Mit der Kampenwandbahn als kuppelbare Umlaufbahn betritt die Maschinenfabrik dagegen neues Territorium. Umso erstaunlicher ist es, dass Hasenclever keine etablierte Entwicklung in Lizenz nutzt, sondern auf eine Eigenentwicklung setzt. Obwohl die Bauweise stark dem System Wallmannsberger ähnelt, kommt ein modifiziertes Laufwerk mit angepasster Klemmvorrichtung zum Einsatz. Übernommen wird dagegen das Prinzip der tief durchhägenden Zugseile, die auf Rollen in Bodennähe abgelegt werden und lediglich angehoben werden, wenn eine Kabine die Stütze passiert. Mit lediglich sechs Zwischenstützen bei einer schrägen Länge von 2,5 Kilometern kann die Anlage die Vorteile der Zweiseilumlaufbahn voll ausspielen.

Beeindruckende Trassierung und Technik

Imposant ist besonders das lange Spannfeld zwischen den Stützen 1 und 2. Dieses ist auch der Grund dafür, dass die Bahn im unteren Bereich eine extrem breite Seilspur aufweist. Der Abstand der beiden Fahrspuren verringert sich zur Bergstation hin kontinuierlich, sodass die Anlage im Gipfelbereich ein komplett anderes Erscheinungsbild besitzt als im Tal. Die breite Talstation ermöglicht dafür eine komfortable Unterbringung des Antriebs der Bahn. 840 Höhenmeter liegen zwischen den beiden Stationen, eine Fahrt nimmt bei einer Geschwindigkeit von 3 m/s eine knappe Viertelstunde in Anspruch. Unterwegs geniesst der Fahrgast einen grandiosen Ausblick auf Aschau, die Voralpen und den Chiemsee.

Den vielleicht kuriosesten Bestandteil dieser einmaligen Seilbahnkonstruktion trifft man übrigens in den Stationen an. Die Kabinen passieren den Stationsumlauf nicht auf einer gebogenen Schiene, sondern werden zweimal auf einem Schwenkarm um 90° zur Seite abgelenkt. Der Mechanismus ist inzwischen genau wie der gesamte Kabinentransport in den Stationen automatisiert, deswegen aber nicht weniger faszinierend.

Letzte Tage eines Seilbahnklassikers

Zur Attraktivitätssteigerung entstehen rund um die Kampenwand in den Jahren nach der Eröffnung zusätzliche Sesselbahnen und Schlepplifte. Fortan sind es aber die bekannten Hersteller Pohlig und später PHB, die an der Kampenwand zum Zug kommen. Für die Maschinenfabrik Hasenclever soll es die einzige Zweiseilumlaufbahn der Firmengeschichte werden. Sie tritt in der Folge im Seilbahnbau nicht mehr in Erscheinung und wird 1981 von der Siegener Maschinenfabrik Siemag übernommen. Ihr Erbe lebt an der Kampenwand aber bis heute weiter.

Auch mehr als sechs Jahrzehnte nach der Eröffnung erfreut sich die Seilbahn in Aschau immer noch grösster Beliebtheit. Ein Ersatz der Anlage ist aus diesem Grund zur Steigerung der Förderleistung aber bereits beschlossene Sache. Im Sommer 2019 beginnen die Bauarbeiten für den Nachfolger, der 2020 eröffnet werden soll.

2 Gedanken zu “Abschiedsfahrt an der Kampenwand in Aschau”

  1. Warum schreibst Du über eine „Abschiedsfahrt“ mit der Kampenwandbahn? Ich habe mich erkundigt, es gibt noch keinerlei Pläne für einen Ersatz/Neubau, geschweige denn Pläne zur Stilllegung der Anlage samt letzten Betriebstag! Auch Blogger haben die Pflicht zur korrekten Berichterstattung!

    • Hallo Thomas,

      selbstverständlich hat jeder Journalist oder Blogger die Verpflichtung zur inhaltlich korrekten Berichterstattung. Ich lege großen Wert darauf, dass meine Reportagen stets korrekt recherchiert sind und nur wahre Tatsachen enthalten. Den Vorwurf weise ich daher zurück. Es gibt sehr wohl Pläne für den Ersatz der Kampenwandbahn (siehe z. B. diese Diskussion im Alpinforum). Ob der Ersatz tatsächlich schon 2020 erfolgt, ist derzeit noch nicht sicher. Manchmal kann es aber dann auch ganz schnell gehen. Und da ich in naher Zukunft vermutlich nicht mehr nach Aschau kommen werde, war der Besuch für mich definitiv eine Abschiedsfahrt mit der Kampenwandbahn.

      Viele Grüße
      Felix

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