Adelboden-Lenk (Betelberg) • Gemütlich

Am Morgen des zweiten Tags meiner kleinen Wintertour steht das Ziel bereits fest. Die Skiregion Adelboden-Lenk steht auf dem Programm. Eine Region, die aus mehreren Einzelgebieten besteht. Und deren grösstes zusammenhängendes Skigebiet, der Bereich zwischen Adelboden, dem Hahnenmoospass und der Lenk sowie das Skigebiet am Betelberg, mehr oder weniger ausschliesslich aus modernen kuppelbaren Sesselbahnen bestehen. Die restlichen Skigebiete, die Elsigenalp ob Frutigen sowie die Engstligen- und die Tschentenalp in Adelboden kenne ich bereits aus einem Besuch im Winter und zwei Visiten während der Sommermonate.

Auf der Suche nach Nostalgie in der Region Adelboden-Lenk

Was sollte es also für einen Nostalgiker wie mich noch an Gründen geben, die Region zu besuchen? Die Antwort ist – es gibt gleich mehrere. Hauptgrund für unseren Besuch ist zweifelsohne die altehrwürdige Hahnenmoospass-Kabinenbahn der Firma Habegger. Mit Baujahr 1974 die erste ihrer Art nach dem Giovanola-System und gleichzeitig die vorletzte 4er-Kabinenbahn der Schweiz vom bekannten und in Skilift- und Seilbahnkreisen allseits beliebten Hersteller aus Thun.

Das Fahrterlebnis mit dieser Bahn alleine wäre bereits ein guter Grund, Adelboden wieder einmal aufzusuchen. Doch die Tatsache, dass die Bahn im kommenden Sommer ersetzt werden soll, macht einen Besuch diesen Winter unumgänglich. „Jetzt oder nie“ lautet die Devise! Und auch hinsichtlich der moderneren Anlagen gibt es Gründe genug, endlich einmal die Skipisten rund um den Hahnenmoospass zu befahren. Im Gegensatz zu anderen Orten legt man in Adelboden Wert auf ein heimeliges Stationsdesign. Nicht zu vergessen auch der geniale 180°-Einstieg bei den meisten Anlagen.

Zwischenstopp in Saanenmöser

Doch bevor wir uns von der Lenk aus aufmachen zum Hahnenmoospass, biegen wir nach einer halben Stunde Fahrt in Saanenmöser kurz von der Hauptstrasse ab. Ich spurte zur Talstation der Kabinenbahn zum Saanerslochgrat, steht doch auch diese auf der langen Abschussliste der Bergbahnen rund um Gstaad. Obwohl ich schon öfters an dieser Anlage vorbeigekommen bin, habe ich es bislang immer versäumt, ein anständiges Foto von ihr zu machen.

Und heute dürfte eine der letzten Gelegenheiten sein, dieses betagte und für die Schweiz exotische Exemplar einer Poma-Kabinenbahn mit „Back-to-Back-Kabinen“ abzulichten. Zu dieser frühen Stunde ist am Parkplatz noch nicht allzuviel Treiben und die meisten Kabinen sind noch leer. So kann ich unbeobachtet einige Foto- und Videoaufnahmen der Anlage machen. In seilbahnhistorischer Hinsicht handelt es sich bei der Bahn übrigens um eine besondere ihrer Art. War sie doch 1980 die erste grosse Anlage, die die Firma Baco mit Poma-Technik erstellte.

Der Betelberg als Vormittagsziel

Wenige Minuten später befinden wir uns auch schon wieder auf der Weiterfahrt nach Zweisimmen, von wo aus wir Richtung St. Stephan abbiegen. Es ist schön zu sehen, dass die dortige Von Roll-Sesselbahn noch immer ihre Runden dreht. Denn auch ihre Zukunft ist ungewiss. Vorbei am ehemaligen Skihang in Matten, wo einst ein Müller-Skilift seine Runden drehte und heute keine Spur dieser Anlage mehr zu finden ist, erreichen wir wenig später den Parkplatz an der Sesselbahn Walleggbärgli.

Genau – wie der Titel des Berichts vermuten lässt, geht es am Morgen noch nicht direkt Richtung Hahnenmoos. Sondern zunächst zu einem kurzen Besuch an den Betelberg, der uns noch völlig unbekannt ist. Weder im Sommer noch im Winter bin ich je dort gewesen, genauso wenig habe ich je eine der dortigen Anlagen zu Gesicht bekommen – auch nicht von weitem. Das soll sich mit dem kurzen Besuch heute ändern, wenngleich für einen ausgiebigen Aufenthalt keine Zeit bleibt. Denn der Hauptgrund für den Besuch steht auf der anderen Talseite.

Seilbahnhistorie in der Lenk

Alles in allem ist die Entstehungsgeschichte des Skigebiets am Betelberg schnell erzählt. Am Anfang war das Funi. Welches sich vom Talgrund in Richtung der heutigen Skihänge den Berg empor kämpfte, ehe es 1948 durch eine klassische Von Roll VR101 bis nach Stoss ersetzt wurde. Diese wurde neun Jahre später über die flachen Matten bis zur Station Betelberg verlängert. In der Folge war es jedoch die Firma Müller, die am Betelberg regierte. 1958 kam der erste Skilift in Ortsnähe hinzu. Zwei fix geklemmte Doppelsesselbahnen und ein Skilift erweiterten das Skigebiet ab 1964 und 1968 im Bereich Wallegg – Haslerberg.

1972 schliesslich sah man sich gezwungen, die VR101 durch eine neue, kapazitätsstärkere Anlage zu ersetzen. Wiederum fiel die Wahl auf Gerhard Müller, der eine seiner populären Viererkabinenbahnen von der Lenk via Stoss zum Betelberg erstellte und im Bereich der Mittelstation Stoss einen weiteren Skilift eröffnen konnte. In den 70er Jahren kam aber auch noch eine zweite Firma am Betelberg zum Zug. Der Babylift-Vater Borer aus dem Juragebirge, der den Müller-Skilift Mauren im Ortsbereich sanierte und darüber hinaus eine zweite Sektion in Richtung Weissenstein erstellte.

Die letzte Neuerschliessung erfolgte über ein Jahrzehnt später in Form des Skilifts Leiterli, den Garaventa 1987 im Bereich der Bergstation der Kabinenbahn erstellte. In der Folge startete man mit dem Ersatz bestehender Anlagen. Angefangen 1989 mit dem Ersatz der Müller-Sesselbahnen durch zwei kuppelbare Städeli-Exemplare, neun Jahre später erfolgte der Ersatz der Müller-Kabinenbahn durch ein Garaventa-Exemplar. 1999 verkürzte Garaventa den Skilift Balmen-Stoss und 2006 schliesslich segnete die letzte originale Müller-Anlage, der Skilift Haslerberg, das Zeitliche. Ersetzt wurde er – wen wundert es – durch einen Garaventa-Skilift.

Die Sesselbahnen am Walleggbärgli

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Die ersten Sonnenstrahlen des Tages erreichen den Betelberg, als wir bereits mit der Sesselbahn Lenk-Wallegg den Berg empor schweben. Hierbei handelt es sich um eine der letzten drei kuppelbaren Vierersesselbahnen von Städeli in der Schweiz. Viele gab es bekanntlich ohnehin nicht, aber die, die gebaut wurden, hatten oft auch kein besonders langes Leben. Die erste überhaupt, Krähentschuggen in Arosa wurde nach nur 15 Jahren verscherbelt. Leukerbad und die zweite Sektion Theodul in Zermatt sind inzwischen auch schon Geschichte.

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Die Strecke der 1989 erbauten Anlage ist – wie sich später herausstellt – typisch für den Betelberg. Kontinuierlich geringe Steigung und zu grossen Teilen durch den Wald trassiert.

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Im oberen Teil der Sesselbahn, die Mittelstation Wallegg ist bereits in Sicht. Hier schliesst eine baugleiche zweite Sektion an, wobei beide Bahnen allerdings keinen Durchfahrbetrieb besitzen.

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Stütze 13 ist ein Stück Seilbahngeschichte: Hier dürfte es sich um eine der ersten (wenn nicht gar der ersten überhaupt) Stützen der Welt mit Wechsellastbatterien im heutigen Sinne handeln.

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Wenige Minuten später geht es bereits mit der zweiten Sektion Wallegg-Mülkerblatten bergauf, deren Sessel im Gegensatz zur ersten Sektion keine Skiköcher besitzen.

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Obwohl wir bereits mächtig an Höhe gewonnen haben, ist die Baumgrenze noch immer nicht passiert. Das gesamte Skigebiet erstreckt sich „nur“ auf einer Höhe von unter 2000 Metern, was es eigentlich zum idealen Schlechtwettergebiet macht. Dennoch bevorzugen wir natürlich die heutigen Bedingungen :) .

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Nach einigen weiteren Minuten ist die formschöne, in Holz gehaltene Bergstation erreicht.

Morgendliche Fahrt am Skilift Haslerberg

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Nach einer Abfahrt auf der flachen, aber zum Carving sehr netten Abfahrt geht es mit dem Garaventa-Skilift Haslerberg wieder hinauf. In Österreich hätte man hier 2006 wohl kaum mehr einen Skilift hingestellt. Wie gut, dass der Haslerberg in der Schweiz liegt. Wenngleich die Anlage ungefähr genauso spannend ist wie die x. Skippy-6er-Sesselbahn mit Sitzheizung und orangen Hauben ;) .

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Das Panorama an der Bergstation macht jedoch einiges wieder wett. Der Ausblick in Richtung der Bergstation der Kabinenbahn und des Skilifts Roszun-Leiterli, wie er mit vollem Namen heisst, ist genauso sehenswert wie die malerische und Berner-Oberland-typische Landschaft dahinter.

Mit dem Skilift Leiterli zum höchsten Punkt des Gebiets

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Unterwegs im Skilift Leiterli, einer für diese Länge und Grösse ungewöhnlich schweren Garaventa-Konstruktion.

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Panorama von der Bergstation Leiterli Richtung Nordosten. Am rechten Bildrand befindet sich der Bereich Bühlberg-Metsch, in welchem wir bereits eine knappe Stunde später unsere Schwünge ziehen werden.

Die Kabinenbahn Lenk – Betelberg

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An der Bergstation der Kabinenbahn Stoss-Betelberg. Leider sind alle ankommenden Kabinen voll besetzt, sodass wir auf eine Wiederholungsfahrt auf der ohnehin eher mässig spannenden Piste verzichten.

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Kabinenbahn Stoss-Betelberg mit der zugehörigen schön welligen, aber doch etwas zu flachen Abfahrt.

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An der ersten Sektion scheinen die Pisten etwas steiler zu sein, doch da auch hier alle Kabinen gut gefüllt den Berg hinauf schweben, geht es gleich weiter zum Skilift Balmen-Stoss.

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Unterwegs im Skilift Balmen-Stoss, der, wie man deutlich erkennen kann, noch die Müller-Stützen des Vorgängers verwendet. Dieser hatte eine Kurve und war gegen unten hin deutlich länger als das heutige Garaventa-Exemplar.

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Skilift Balmen-Stoss mit Ausblick auf die Oberländer Bergwelt.

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Auf dem Weg zurück Richtung Talstation kommen wir an dieser Kabine vorbei, die aller Wahrscheinlichkeit nach von der Vorgänger-Kabinenbahn von Müller stammt.

Sehenswerte Waldabfahrten

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Die Abfahrt von Stoss nach Lenk zur Sesselbahn Wallegg ist definitiv das Highlight des Besuchs. In diesem Bereich gibt es eine Vielzahl an Varianten, die wir aus Zeitgründen allerdings nicht ausprobieren können. Dennoch lässt sich zu diesem Zeitpunkt bereits ein Fazit ziehen. Während der obere Teil des Skigebiets ausser dem Panorama keine wirklich spannenden Elemente bietet, so sind die Waldabfahrten im unteren Bereich äusserst sehenswert.

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Bevor es zurück zum Auto und im Anschluss Richtung Metsch geht, steht noch eine Fahrt mit dem Skilift Mauren auf dem Programm. Obwohl es sich eigentlich um einen Übungslift handelt, erschliesst er eine ganz nette Abfahrt. Borer übernahm beim Umbau die Stützen von Müller. Rollen, Tal- und Bergstation hingegen sind original aus Büsserach. Leider wurde die zweite Borer-Sektion Richtung Weissenstein ersatzlos abgebaut. Sie wäre für eine Wiederholungsfahrt auf den Waldpisten zwischen Stoss und Wallegg heute genau richtig gewesen!

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Eine letzte Aufnahme auf dem Weg zurück zum Auto, ehe es nach nur einer Stunde ins nächste Skigebiet geht.

Fazit

Obwohl es natürlich etwas schwierig erscheint, nach nur einer Stunde Skifahren ein Fazit über ein Skigebiet dieser Grösse zu ziehen, so lassen sich doch einige Aspekte aufzeigen. Das Skigebiet am Betelberg ist ideal geeignet für Familien mit kleineren Kindern. Was auch bei unserem Besuch klar am Publikum erkennbar gewesen ist. Die mit wenigen Ausnahmen breiten und eher moderat abfallenden Hänge sind ideal für die ersten Schwünge. Dank der Kabinenbahn und mehrheitlich flachen Skiliften ist auch der Aufstieg mit den Kleinen kein Problem.

Die etwas Fortgeschritteneren Skifahrer kommen im Bereich Wallegg und auf den Abfahrten von Stoss ins Tal auf ihre Kosten. Die Waldabfahrten sind flüssig trassiert und laden zu gemütlichem Skifahren ein. Und das ist trotz der grossen Kapazitäten der Infrastruktur auch auf mehrheitlich leeren Pisten möglich. Alles in allem lässt sich der Betelberg als „das nette Skigebiet von nebenan“ charakterisieren. In Sachen Abwechslung hinsichtlich Pisten für fortgeschrittene Skifahrer und Seilbahntechnik kann es jedoch nicht mit den angrenzenden Nachbarn mithalten.

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