Einsames Burragorang Valley & Blue Mountains

Aufgrund der zahlreichen Lastwagen, die über Nacht ebenfalls an der Raststätte eine Pause einlegen, ist es ein etwas unruhiger Schlaf. Aber dafür gibt es am Morgen noch einmal eine angenehme warme Dusche. Man kann eben nicht alles haben. Die nächsten beiden Nächte werde ich wieder in der Natur verbringen. In ruhigerer Umgebung, aber dafür ohne Dusche. Die gibt es dann wieder, wenn ich am Samstag in Sydney angekommen bin. Dort werde ich noch drei Nächte in einem Hotel verbringen.

Um eine möglichst schöne Lichtstimmung bei meinem ersten Tagesziel einfangen zu können und da ich aufgrund des zunehmenden Verkehrs ohnehin nicht mehr wirklich schlafen kann, breche ich bereits gegen sieben Uhr von der Raststätte auf. Rund 40 Minuten nimmt die Fahrt zum Burragorang Lookout von hier aus in Anspruch. Der Aussichtspunkt befindet sich am Ende einer mehrheitlich gut ausgebauten und durchgängig asphaltierten Straße und soll einen Blick auf das hunderte Meter tiefer gelegene Burragorang Valley bieten, das den Lake Burragorang beheimatet.

Die Geschichte des Burragorang Valley

Das war allerdings längst nicht immer so. 1827 wurde in dem Tal die Ortschaft Burragorang gegründet und zählte während über hundert Jahren zu den Hauptkohlelieferanten für die Region. Nachdem die Bevölkerung von Sydney nach dem zweiten Weltkrieg jedoch ein rasantes Wachstum erfuhr, war man gezwungen, den daraus resultierenden erhöhten Energiebedarf zu decken. Aus diesem Grund wurde zwischen 1948 und 1960 ein Staudamm in dem erwähnten Tal gebaut. Dieser staut den Warragamba River seither auf. Die Flutung des Tals sorgte dafür, dass Burragorang und Umgebung unter der Wasseroberfläche verschwanden und das Tal seither nicht mehr besiedelt ist. Heute wird das Burragorang Valley daher auch als „Lost World“ bezeichnet.

Das Burragorang Valley Lookout

Der Ausblick vom Aussichtspunkt ist dafür mit dem langgezogenen See und seinen vielen Seitenarmen äußerst eindrucksvoll. Steil fällt die Landschaft hinter der Aussichtsplattform ab, bis weit in den Blue Mountains National Park hinein reicht das Panorama. Zu dieser frühen Stunde bin ich wieder einmal die einzige Person, die diesen Anblick mit dem morgendlichen Herbstlicht genießt.

Blick ins Burragorang Valley

Blick ins Burragorang Valley

Eigentlich öffnet der Park erst um acht Uhr, da das Tor aber schon offen steht, bin ich so frei und fahre trotzdem auf den Parkplatz. Angeblich ist es erforderlich, eine Gebühr für den Besuch zu bezahlen. Außer dem entsprechenden Hinweisschild kann ich aber nirgendwo eine Einrichtung entdecken, bei der man diese Gebühr bezahlen könnte. Mangels weiterer Hinweise über Höhe der Gebühr und Möglichkeiten zum Bezahlen breche ich kurz darauf eben so wieder auf.

Von den blauen Bergen kommen wir …

In der Ortschaft The Oaks, wenige Kilometer unterhalb des Aussichtspunkts, lege ich erst einmal eine Frühstückspause ein. Das habe ich nämlich zugunsten einer früheren Ankunft am Burragorang Lookout hinten angestellt. Während jede Menge schulpflichtige Kinder an meinem Auto vorbeilaufen, plane ich meine weitere Route, die mich in die nicht mehr weit entfernten Blue Mountains führen soll. Hier kommen sie also her, die Kinder aus den blauen Bergen, deren Lehrer genauso blöd sind wie sie!

Für die weitere Strecke entscheide ich mich für eine Route entlang der westlichen Ausläufer der Blue Mountains, von der aus ich mir ein paar schöne Aussichten auf die Ebene vor der Küste erhoffe. Genau einen solchen Ausblick erhalte ich nur wenige Kilometer später hinter der Stadt Springwood vom Hawkesbury Lookout. Das Panorama übertrifft dort alle Erwartungen. Am Horizont ist sogar schemenhaft die Skyline von Sydney zu erkennen.

Hawkesbury Lookout in Springwood

Mühsamer Weg quer durch den Blue Mountains National Park

Als äußerst nervig und zeitraubend stellen sich auf dem weiteren Weg jedoch die unzähligen Baustellen mit Einbahnregelungen heraus. Irgendwann höre ich mit dem Zählen auf, aber um die 20 einzelne Baustellen sind es, die mich auf meiner Strecke durch den Blue Mountaines National Park aufhalten. Auch die gewählte Route über die Bells Line of Road bietet nicht das, was ich mir eigentlich erhofft habe. Keine schönen Aussichten, dafür wieder einmal Sturm, wie schon so oft auf meiner Fahrt durch Australien. Aus diesem Grund ist auch der lokale botanische Garten geschlossen. Die umherfliegenden Äste machen einen Besuch zu gefährlich. Immerhin kann ich während meiner Mittagspause kurz hinter dem 1010 Meter hohen Passübergang am Mount Tomah einen Blick auf die tiefen Taleinschnitte im Regenwald der Blue Mountains erhaschen.

Ausblick von der Bell Line of Roads

Der australische Grand Canyon

Ausblick vom Evans Lookout

Wirklich lohnend ist allerdings erst ein Abstecher auf der anderen Seite dieses markanten Talkessels, westlich der Stadt Katoomba. Vom Evans Lookout bietet sich ein prächtiger Blick auf den sogenannten Grand Canyon. Hier bedarf es keiner weiteren Worte. Die Aussicht ist atemberaubend. Ich verbringe über 20 Minuten mit fotografieren und filmen, so verlockend ist der Anblick des tiefen Taleinschnitts mit seinem Regenwald, den er beherbergt. Am Rand des Tals finden sich über mehrere hundert Meter senkrecht abfallende Felswände, die die Namensherkunft des australischen Grand Canyon erklären. Von einem zweiten Aussichtspunkt ergibt sich ein noch etwas besserer Rundumblick auf die schroffen Felsen, die im nun nachmittäglichen Licht langsam in warmen Farben zu leuchten beginnen.

Ausblick vom Evans Lookout auf den australischen Grand Canyon

Schroffe Felsen des australischen Grand Canyons

Zurück am Parkplatz mache ich mir Gedanken darüber, was ich mir heute noch anschauen könnte, bevor ich diesmal halbwegs rechtzeitig zu meinem geplanten Übernachtungsstandort aufbrechen will. Aufschluss gibt mir eine Übersichtskarte, die sich am Rand des Parkplatzes befindet. Sie zeigt den Talkessel mit all seinen Wanderwegen, die derzeit fast alle wegen Bauarbeiten geschlossen sind, sowie den Zufahrtsstraßen und Parkplätzen. Ein weiterer Aussichtspunkt etwas weiter westlich weckt schließlich meine Aufmerksamkeit. Auch in meiner Navigationssoftware ist an dieser Stelle ein entsprechendes Symbol vermerkt, was meist bedeutet, dass sich an diesem Ort tatsächlich irgendetwas Interessantes befinden muss. Daher will ich diesen Punkt, der ohnehin halb auf meinem Weg zum Campingplatz liegt, noch mitnehmen.

Zeitrafferaufnahme am Govettes Leap Lookout

Der angesprochene Aussichtspunkt hört auf den Namen Govettes Leap und ist über eine ähnlich gut ausgebaute Zufahrtsstraße wie das Evans Lookout erreichbar. Nur gut zehn Minuten später stehe ich an der besagten Stelle und genieße eine abermals umwerfende Panoramaaussicht. Während die umliegenden höheren Lagen und Felsabschnitte noch in der Sonne liegen, wandert der Schatten vom Talboden langsam die Hänge hinauf. Das bringt mich auf die Idee, trotz des vorherrschenden starken Windes wieder einmal eine Zeitrafferaufnahme anzufertigen. Mit den vorüberziehenden Wolken dürften sich einige schöne Motive ergeben. Also hole ich im Auto Stativ und Fernauslöser und mache mich an die Arbeit. Rund 25 Minuten später sind 375 Aufnahmen im Kasten und die Sonne versteckt sich mittlerweile hinter ein paar dichteren Wolken.

Ausblick vom Govettes Leap Lookout auf den Blue Mountains National Park

Ausblick vom Govettes Leap Lookout auf den Blue Mountains National Park

Übernachtung mitten im australischen Regenwald

Damit ist auch für mich der Zeitpunkt gekommen, zu meinem anvisierten Campingplatz aufzubrechen, den ich diesmal vor Einbruch der Dunkelheit erreichen möchte. Der Weg dorthin ist rein von der Strecke her nicht allzu weit, führt mich aber über eine kleine und kurvenreiche Straße in ein Seitental hinab. So benötige ich letztlich doch eine gute Viertelstunde für die neun Kilometer. Im Talgrund angekommen verpasse ich beinahe die Abzweigung zu dem kleinen Campingplatz, der sich mitten im Regenwald an einem kleinen Bach befindet. Zum ersten Mal in Australien befinde ich mich an einem Ort, wo es nur ganz schwachen und unregelmäßigen Handyempfang gibt. Neuseeland lässt grüßen!

Es ist gut, dass ich so früh dran bin, denn der Platz mit seinen nur rund zehn Stellplätzen ist bereits zu mehr als zwei Dritteln gefüllt. Für meinen kleinen Camper findet sich aber glücklicherweise noch ein ebener und recht großzügiger Platz, wo ich mich gleich ans Vorbereiten des Abendessens mache. Nicht nur wegen der einbrechenden Dunkelheit beeile ich mich etwas, ich möchte heute auch relativ früh ins Bett gehen. Der Ausblick vom Govettes Leap Lookout hat mich nämlich auf eine Idee gebracht. Morgen früh müsste von dort aus ein fabelhafter Sonnenaufgang zu bestaunen sein. Um 6.40 Uhr versteht sich, daher ist ein frühes Aufstehen unumgänglich.

Felix ist Fotograf und Autor, spezialisiert auf Landschafts- und Reisefotografie und zu Hause im Saarland und der ganzen Welt. Wenn er nicht gerade in der Natur oder den Bergen unterwegs ist, schreibt er hier über seine Reisen, die Fotografie oder über sein liebstes Fortbewegungsmittel, die Seilbahn.

1 Gedanke zu “Einsames Burragorang Valley & Blue Mountains

  1. Hallo Felix, mit Begeisterung haben wir wieder Deine „Briefe von Felix“ :) gelesen. Ganz allmählich beginnt die letzte Reiseetappe vor der Heimreise. Genieße noch die verbleibende Zeit, mache noch ein paar weitere schöne Aufnahmen, halte alle Eindrücke tief in Dir fest … und komm dann wieder gut heim. Wir freuen uns auf Dich. Schöne Pfingsten aus good old Germany
    Sabine & Familie

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