Col du Galibier – Der schönste Pass der Route des Grandes Alpes?

„Allez Voeckler“ steht in Großbuchstaben auf dem Asphaltband, das sich wie eine Perlenkette den Berg hochschlängelt. Zwei Radfahrer quälen sich die letzten Meter am Rande der Erschöpfung über die verbleibenden Kehren nach oben. Ein Motorradfahrer quetscht sich auf der letzten Geraden noch vorbei, dann ist es geschafft. Fast 2000 Meter Höhendifferenz liegen zwischen Saint-Michel im Mauriennetal und einem der höchstgelegenen Straßenpässe der Alpen – dem Col du Galibier. Es ist daher schon fast eine Selbstverständlichkeit, dass der Pass zum Standardrepertoire der Tour de France gehört und ebenso ein beliebtes Ziel von Hobby-Radfahrern ist. Aber nicht nur „Le Tour“-Liebhabern ist dieser Gebirgsübergang ein Begriff. Auch der motorisierte Individualverkehr weiß die Straße zu schätzen.

Die Route des Grandes Alpes – Eine Herausforderung für Mensch und Maschine

Je nach Zählweise ist der Col du Galibier der achte Gebirgspass, der entlang der Route des Grandes Alpes überwunden wird. Jener Straße, die sich über knapp 700 Kilometer von Thonon-les-Bains am Genfer See durch die französischen Alpen bis nach Menton am Mittelmeer erstreckt. Nicht weniger als sechs Mal überschreitet der Asphalt die 2000-Meter-Marke. Eine Herausforderung für Mensch und Maschine. 1913 ist ein Großteil der Strecke fertiggestellt, über den Galibier geht es zu diesem Zeitpunkt schon seit mehreren Jahrzehnten. 1876 kann die Straße eröffnet werden und verbindet seither das Mauriennetal mit den Alpenstädten Briançon und Grenoble.

Nur bis 1891 führt die Straße jedoch über den eigentlichen Pass, im Anschluss erfolgt zur Umgehung der letzten, schwierigen Passage die Nutzung eines neu errichteten Scheiteltunnels. Erst 1976 wird – aufgrund der Baufälligkeit des Tunnels – die alte Strecke wieder reaktiviert. Seitdem seit 2002 auch der Tunnel wieder befahren werden kann, stehen dem Verkehr zwei Strecken zur Verfügung. Fahrzeuge über 3,5 Tonnen müssen jedoch in jedem Fall durch den Tunnel fahren, Radfahrer dagegen müssen zwingend die Strecke über den Pass nehmen.

Passstraße zum Col du Galibier im Sonnenuntergang

Passstraße zum Col du Galibier im Sonnenuntergang

Zwei Kilometer Höhendifferenz vom Maurienne-Tal bis auf den Col du Galibier

Streng genommen beginnt der Anstieg zum Col du Galibier allerdings nicht im Tal, sondern erst im heutigen Wintersportort Valloire. Der Ort ist von Saint-Michel-de-Maurienne aus nur über den gut 1500 Meter hohen Col du Télégraphe erreichbar, der seinerseits ebenfalls einen Pass der Route des Grandes Alpes darstellt. Würde auf dem Kulminationspunkt kein Schild stehen, würde man aber vermutlich gar nicht registrieren, dass es sich tatsächlich um einen Pass handelt. Zumindest als Automobilist, denn Radfahrer wissen die Verschnaufpause auf dem Weg nach Valloire sicher zu schätzen. Auch auf der Südseite ist dem Galibier mit dem Col du Lautaret ein Pass in 2057 Metern Höhe vorgelagert.

Bereits das macht eine Fahrt über den Col du Galibier so speziell. Doch rein zahlenmäßig steht er im Schatten jenes Gebirgsübergangs, den man von Norden kommend zuvor auf der Route des Grandes Alpes überwunden hat – den Col de l‘Iséran. Mit 2770 Metern Höhe handelt es sich um den höchstgelegenen Straßenpass der Alpen. Der Galibier hat mit seinen 2642 Metern Höhe hier das Nachsehen. Dass die reine Höhe über dem Meeresspiegel aber nicht alles ist, macht sich an anderen Dingen bemerkbar. Der Anstieg zum Col de l‘Iséran durch das Skigebiet Espace Killy von Val d‘Isère ist zwar imposant, aber eben doch nicht ganz so eindrücklich wie die annähernd zwei Kilometer Höhendifferenz vom Mauriennetal auf den Galibier. Die Iséran-Passhöhe ist mit ihrer Weitläufigkeit zudem weit weniger spektakulär als der überaus beengte Galibier-Pass.

Col du Galibier mit Verkehrsschild auf der Passhöhe

Überwältigendes Panorama von Mont Blanc bis Barre des Écrins

Spätestens beim Panorama aber wird deutlich, warum der Col du Galibier der schönste Pass entlang der Route des Grandes Alpes sein dürfte. Die Weite des Blicks ist nach einem kurzen Aufstieg zum Aussichtspunkt gewaltig. Vom Mont-Blanc-Massiv bis zu den vergletscherten Bergen rund um La Meije, Barre des Écrins und den restlichen Gipfeln rund um La Grave und dem Nationalpark Écrins reicht das Panorama. Es scheint, als läge einem hier oben ganz Frankreich zu Füßen. Und dafür muss man nicht einmal Sieger bei der Tour de France gewesen sein.

Panorama Col du Galibier

Panorama Col du Galibier

Panorama Col du Galibier

Seine wahre Schönheit aber zeigt der Pass wie so oft genau dann, wenn ihn der Großteil seiner Eroberer bereits hinter sich gelassen haben. Nach Sonnenuntergang beginnen die weit entfernten Städte im Tal zu leuchten, während oben im Hochgebirge die Sterne zum Greifen nah sind. Wenn La Meije und ihre Gletscher im Mondlicht schimmern, kehrt auf dem Galibier eine himmlische Ruhe ein. Wohl dem, der hier oben eine Nacht im Zelt oder im Auto verbringt – es ist ein unvergleichbares Erlebnis.

Milchstraße und Sterne über dem Col du Galibier in den französischen Alpen

Milchstraße und Sterne über dem Col du Galibier in den französischen Alpen

Felix ist Fotograf und Autor, spezialisiert auf Landschafts- und Reisefotografie und zu Hause im Saarland und der ganzen Welt. Wenn er nicht gerade in der Natur oder den Bergen unterwegs ist, schreibt er hier über seine Reisen, die Fotografie oder über sein liebstes Fortbewegungsmittel, die Seilbahn.

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