La Plagne – Eine Retortenstation aus dem Bilderbuch

Früh ist es, als ich nach einer kalten Nacht am Kleinen Sankt Bernhard über die Grenze nach Frankreich fahre. Ein paar Fischer haben sich an diesem Montag Morgen am Lago Vernet eingefunden, um ihr Glück zu versuchen. Ich will mein Glück dagegen rund 50 Kilometer weiter westlich in La Plagne versuchen. Das Retortenskigebiet zählt seit der Verbindung mit Les Arcs zu den größten in Frankreich und weiß mit allerlei Annehmlichkeiten zu locken. Vom Supermarkt über den Ski-Shop bis hin zur Apotheke, in den Planstädten der französischen Berge mangelt es an nichts. Selbstverständlich dürfen auch die Hochhausschluchten mit ihren Appartements im 70er-Jahre-Stil nicht fehlen.

Hochhäuser in La Plagne - Bellecôte

In den Planstädten der französischen Berge mangelt es an nichts

Die heile Bergwelt ist hier eigentlich nur eine Illusion. Dass ich trotzdem die 21 nummerierten Serpentinen nach oben kurbele, hat einen ganz bestimmten Grund. Mit den beiden Seilbahnen Roche de Mio und Bellecôte besitzt La Plagne zwei Seilbahnschätze, die so auf der Welt kein zweites Mal existieren. Sie entstammen im Gegensatz zu den meisten anderen Anlagen noch der Gründerzeit des Skigebiets und stellen daher mittlerweile eine Rarität dar. Zum Zeitpunkt ihres Baus waren sie das Maß aller Dinge. Als eine der ersten Anlagen in Frankreich wurde die Télécabine de la Roche de Mio 1978 mit sechsplätzigen Kabinen ausgestattet. Ein Novum. Für einen besseren Genuss des Panoramas überlegt sich die Herstellerfirma Sigma bei den Kabinen eine Sitzanordnung, bei der je drei Personen Rücken an Rücken sitzen und so direkt durch die Scheibe vor sich schauen können. Eine Idee, die schon in den 80er Jahren wieder verworfen wird.

Talstation der Kabinenbahn Roche de Mio in La Plagne

Kabinenbahn Roche de Mio in La Plagne

Doch nicht nur die Kabinen sind es, sondern auch die Trassierung macht die Anlage zu einem technischen Bauwerk, bei dem man auch 40 Jahre später nicht aus dem Staunen heraus kommt. Über mehr als 40 Stützen schweben die Kabinen von Plagne-Bellecôte zunächst nach Belle-Plagne und im Anschluss steil hinauf über ein Geröllfeld. Zur Überwindung des dann folgenden Felsgrats ist man auf Dynamit angewiesen. Noch heute ist der freigesprengte Übergang deutlich zu sehen. Gänzlich unerwartet folgen im Anschluss mehrere terrassenartige Wiesen, bevor schließlich die Bergstation Roche de Mio erreicht ist. Mehr als drei Kilometer und über 20 Minuten nimmt eine Fahrt in Anspruch.

Kabinenbahn Roche de Mio in La Plagne

Kabinenbahn Roche de Mio in La Plagne

La Plagne ist von hier oben nicht sichtbar, was dem Panorama nur zuträglich sein kann

La Plagne ist von hier oben nicht sichtbar, was dem Panorama nur zuträglich sein kann. In der Tat ist die Aussicht famos. Egal ob Mont Blanc oder andere namhafte Gipfel, der Blick auf die französischen Alpen ist eine Reise wert. Doch zu Beginn der 80er Jahre hat man noch weit größere Pläne. Der nächste sichtbare Gletscher liegt nämlich nicht etwa am Mont Blanc, sondern zum Greifen nah. Luftlinie nur etwa zwei Kilometer entfernt befindet sich der Glacier de la Chiaupe. Ideal geeignet für Sommerski und als Aussichtspunkt.

Panorama Roche de Mio

Panorama Roche de Mio

Panorama Roche de Mio

So folgt die zweite Sektion Bellecôte, eine baugleiche Anlage aus dem Hause Poma und mit ähnlich spektakulärer Trassierung wie die Anlage am Roche de Mio. Nach der eigentlichen Talstation geht es erst einmal steil hinab zur Mittelstation am Col de la Chiaupe, bevor es ebenso steil wieder hinauf zum Gletscher geht. Keine Mühen wurden hier gescheut, kompromisslos wurde die Anlage in den Fels gestellt.

Wie an so vielen anderen Orten ist der Sommerskitraum auch in La Plagne schneller ausgeträumt als manchem lieb ist. Der Gletscher zieht sich zurück, die Skilifte müssen den Betrieb einstellen. Als Ersatz fahren inzwischen Sesselbahnen über die Felsen, die Pisten führen noch über die letzten Überreste der Eisfelder. Was bleibt, ist im Sommer ein Aussichtspunkt in knapp 3000 Meter Höhe, der zum Verweilen einlädt. Eine kleine Imbissbude gibt es hier oben, in den Gletscherüberresten findet sich eine Eisgrotte. Doch vor allem die Seilbahn Bellecôte macht die Reise an diesen Ort so speziell. Die alte Technik mag einem Laien nicht ins Auge stechen, aber die röhrenden Kabinen und die wilde Trassierung über die Abhänge machen eine Fahrt spannender als manche Achterbahn in Freizeitparks.

Kabinenbahn Bellecôte in La Plagne

Kabinenbahn Bellecôte in La Plagne

Kabinenbahn Bellecôte in La Plagne

Kabinenbahn Bellecôte in La Plagne

Überreste des Glacier de la Chiaupe in La Plagne

Roche de Mio und Bellecôte verkörpern den Pioniergeist der 70er Jahre

La Plagne ist eigentlich ein hochmodernes Skigebiet mit viel Komfort und Animation, ganz wie es der anspruchsvolle Gast wünscht. Jährlich fließen Millionen in den Unterhalt und die Erneuerung der Liftinfrastruktur. Am Roche de Mio erfolgt im Sommer 2018 gerade der Bau der neuen kuppelbaren Sesselbahn Inversens. So ganz passen die Seilbahnen Roche de Mio und Bellecôte langsam nicht mehr ins Gesamtbild. Aber sie verkörpern auch heute noch den Pioniergeist der 70er Jahre, ohne den wir Orte wie den Glacier de la Chiaupe niemals so einfach, spektakulär und schnell erreichen könnten.

Kabinenbahn Bellecôte in La Plagne

Felix ist Fotograf und Autor, spezialisiert auf Landschafts- und Reisefotografie und zu Hause im Saarland und der ganzen Welt. Wenn er nicht gerade in der Natur oder den Bergen unterwegs ist, schreibt er hier über seine Reisen, die Fotografie oder über sein liebstes Fortbewegungsmittel, die Seilbahn.

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