Zuoz • Engadiner Kleinod mit Charme

Neun Mal schlägt die Glocke der Dorfkirche in ihrem steinernen Turm. Längst ist die Sonne hinter den Bergen aufgegangen und taucht das alte Gemäuer in ein warmes Vormittagslicht. Wäre da nicht der Schnee, der auf den Dächern der rötlichen und braunen Steinbauten rund um den Dorfplatz in der Sonne glitzert, könnte es auch der Anbruch eines warmen Sommertages sein. Doch der Schein trügt. Das Quecksilber des Thermometers klettert an diesem Morgen nicht einmal bis zur -10°-Marke. Nach den intensiven Schneefällen der letzten Nacht gleicht der Talgrund einer unberührten Märchenlandschaft. Schneebedeckte Fahrbahnen verbinden die verstreuten Dörfer, die wie Oasen in einer weissen Wüste erscheinen.

Nicht weit entfernt davon hat der Massenansturm auf die Talstationen und die Pisten der grossen Skigebiete um diese Zeit bereits begonnen. Nervös fällt der Blick der Skifahrer aus der überfüllten Kabine auf die unberührten Hänge. Wer jetzt noch an der Kasse steht, hat schon verloren. Denn schon bald darauf ziehen sich unzählige Spuren durch den Tiefschnee. Von Leuten, die bald darauf mit ihren Smartphones in den sozialen Netzwerken dokumentieren – ich war der Erste!

Putèr, Chesa Cumünela und der Tourismus

Im Engadiner Bergdorf Zuoz geht es zu dieser Stunde weitaus beschaulicher zu und her. Nur zwei knorrige Einheimische unterhalten sich vor einem der auffälligsten Gebäude im Zentrum des Dorfs. Chesa Cumünela steht dort in grossen weissen Buchstaben über den Fenstern des ersten Stocks geschrieben. Stünde das Bauwerk im deutschsprachigen Alpenraum, wäre hier der Schriftzug Gemeindehaus zu lesen. Doch in Zuoz spricht man Putèr, das oberengadinische Idiom der rätoromanischen Sprache.

Für Sprachfremde sind die Zeichenkombinationen nicht immer nachvollziehbar. Mit guten Kenntnissen anderer romanischer Sprachen fällt das Verständnis etwas leichter. Doch auch wenn Putèr nach wie vor Amtssprache ist und in Schulen gelehrt wird, können sich Zugereiste auch auf Deutsch verständigen. Der Tourismus sorgt seit über einem Jahrhundert dafür, dass die deutsche Sprache das Putèr im Engadiner Alltag mehr und mehr verdrängt.

Zur Entstehungsgeschichte des Skigebiets Zuoz

Und das nicht nur im nahegelegenen Nobelskiort St. Moritz. Dort bringt den Gästen bereits seit den 1930er Jahren eine Standseilbahn die imposante Bergwelt des Engadins ein Stück näher. Seinerzeit ist sie eine der ersten seilgezogenen Bergbahnen der Schweiz. Doch auch einige Kilometer weiter talabwärts im weit weniger bekannten Zuoz entsteht bereits 1947 zur Freude aller Wintersportler der erste Schlepplift. Es ist nur ein kleiner Tellerlift, der vom Dorf bis zum Rand des lawinenschützenden Bannwalds führt. Aber der Lift erfreut sich derart grosser Beliebtheit, dass bereits sechs Jahre später eine weit längere Anlage entsteht.

Der neue Schlepplift ist zu diesem Zeitpunkt einer der längsten und steilsten des Landes. Den Bannwald lässt der Albanas-Lift hinter sich, um 600 Meter oberhalb von Zuoz einen Ausgangspunkt zu zahlreichen Abfahrten zugänglich zu machen. Die Anlage ist eines der ersten eigenen Werke von Karl Brändle. Unübersehbar trägt der Lift mit seinen massiven Fachwerkstützen die Handschrift des Zürcher Konstrukteurs, der in den folgenden Jahren zu einem der namhaftesten Schweizer Seilbahnhersteller werden soll.

Frühes Skivergnügen am Albanas und Pizzet

Trotz seiner Südhanglage bietet der Schlepplift Albanas bis weit in den Frühling hinein ausgezeichnete Schneesportverhältnisse. Doch es ist und bleibt eine Freizeitmöglichkeit für Skifahrer, die bereits viel Erfahrung mitbringen, um ihre Schwünge durch den Pulverschnee zu ziehen. Was dem Skigebiet Zuoz daher noch fehlt, ist eine Beschäftigungs- und Übungsmöglichkeit für die weniger geübten Wintersportler.

Sie folgt 1965 mit dem Schlepplift Crasta. Der kurze Übungslift kommt südwestlich des Dorfkerns zum Stehen und erschliesst eine Anhöhe, rund 50 Meter oberhalb von Zuoz. Gleichzeitig stellt er aber zwei Winter später auch den Zugang zu einer weiteren Aufstiegshilfe dar. 1967 entsteht mit dem Schlepplift Pizzet eine zweite Achse westlich des Albanas-Schlepplifts. Zwar führt der neue Lift bei weitem nicht bis auf den namensgebenden Gipfel, dringt aber bis in stattliche 2400 Meter Seehöhe vor. Mit nur drei Seilbahnanlagen zählt Zuoz ab Ende der 60er Jahre nach wie vor zu den kleinsten Skigebieten im Engadin, wohl aber zu den anspruchsvollsten. Daran ändert auch der Bau des zweiten Übungsschlepplifts Survih unweit des Dorfkerns in den 80er Jahren nichts.

Modernisierung und Umstrukturierung

Während die umliegenden Skigebiete von St. Moritz, Celerina und Silvaplana ihre Anlagen in jener Zeit fortwährend modernisieren, verharrt Zuoz lange Jahre im Dornröschenschlaf. Das ändert sich im Sommer 2006. In jenem Jahr rollen die Bagger an, um den Schlepplift Pizzet durch eine kuppelbare Sesselbahn zu ersetzen. Die neue Anlage ist im Engadin keine Unbekannte. Zwischen 1984 und 2001 verrichtet die Dreiersesselbahn auf Marguns im Skigebiet von Celerina ihre Dienste. Fünf Jahre verharrt sie danach in einer Kiesgrube bei S-chanf, um fortan ihr zweites Leben in Zuoz zu beginnen.

Die Ersatzanlage für den steilen Schlepplift Pizzet ist aber nicht die einzige Neuerung im Jahr 2006. Mit der Sesselbahn Chastlatsch entsteht eine fünfte Seilbahn, die in erster Linie als neuer Zubringer dient. Sie entlastet damit den bis dato einzigen Einstiegspunkt mitten im Dorf.

Die Verlagerung des Skigebiets aus dem immer weiter wachsenden Dorf Zuoz hinaus findet acht Jahre später ihre vorläufige Vollendung. 2014 wird auch die Hauptlebensader, der altehrwürdige Schlepplift Albanas, durch eine neue Sesselbahn ersetzt. Anders als ihr Vorgänger startet die neue Anlage ausserhalb des Dorfkerns und ermöglicht so eine besseren Zugang zu den beliebten Hängen am Albanas.

Einstieg ins Skigebiet Zuoz über die Sesselbahn Chastlatsch

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Über den Nachbarort Madulain erreicht man von St. Moritz kommend den Parkplatz am westlichen Dorfrand von Zuoz. Während anderswo um diese Uhrzeit bereits der Kampf um die letzten unberührten Hänge begonnen hat, lassen sich in Zuoz um neun Uhr sogar die Reifenspuren an der Talstation noch fast an einer Hand abzählen.

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Gleich vis-à-vis liegt die Talstation der Sesselbahn Chastlatsch, die den Tagesgast in gemütlichem Tempo ins Skigebiet bringt. Linker Hand wird der Blick frei auf die Siedlung Chaunt da Crusch und die Oberengadiner Seenplatte.

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Die Talstation der Sesselbahn Chastlatsch an der Strasse, dahinter die ersten Häuser von Zuoz im typisch romanischen Bau- und Farbstil.

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Während der Bergfahrt kommen die noch weitgehend unberührten Hänge an der Sesselbahn Pizzet besonders gut zur Geltung. Zwei Abfahrten in direkter Falllinie sind hier rechts und links der besagten Bahn trassiert.

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Die Sesselbahn Pizzet in der Totalen. Fast schon surreal erscheint es, dass trotz des prachtvollen Wetters nicht ein einziger Skifahrer an dem Hang auszumachen ist. Aber in Zuoz ticken die Uhren eben gemächlicher.

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An der Bergstation der Sesselbahn Chastlatsch – unberührte, frisch verschneite Hänge soweit das Auge reicht.

Pizzet – Eine Seilbahn mit spanennder Geschichte

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Ein ähnliches Bild bietet sich an der Talstation der Sesselbahn Pizzet. Auch wenn die gelben Schilder an den Stützen etwas anderes vermuten lassen – diese Sesselbahn ist eine Konstruktion der Firma Von Roll. Genau genommen ist die Bahn die erste derartige Anlage des Thuner Herstellers und kann 1984 gemeinsam mit der Sesselbahn Horneggli in Schönried eröffnet werden, die aber mit Hauben ausgestattet ist. Ihre Herkunft kann die Sesselbahn nicht verleugnen. Viele Elemente erinnern an den 1982 gebauten Prototyp der Firma Habegger nach La Siala in Flims. Die Übernahme Habeggers durch Von Roll zur jener Zeit ist die Erklärung dafür, warum Stützen und Sessel auch zwei Jahre später trotz neuem Firmenschild verblüffend ähnlich aussehen.

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Auch der Klemmentyp VH400 greift einige Ideen der Klemme der Sesselbahn La Siala wieder auf. Bis 1995 setzt Von Roll diese Kombination aus Tellerfeder- und Gravitationsklemme bei seinen kuppelbaren Anlagen in ähnlicher Firm ein. An der Sesselbahn Pizzet lässt sich der Ursprung dieses Kuppelsystems noch live erleben.

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Die Klemme wird eher den Seilbahninteressierten aufhorchen lassen, die Aussicht auf das Engadin verleitet aber auch den gemeinen Skifahrer zum Staunen.

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Der Andrang lässt nach wie vor auf sich warten. Aus diesem Grund ist der Lift auch nur mit der Hälfte der Sessel bestückt. Von seiner einstigen Förderleistung als Kapazitätsmonster an der Corviglia ist er in Zuoz aber auch bei voller Sesselzahl weit entfernt.

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Doch genau diese Tatsache macht das Skigebiet von Zuoz so erlebenswert. Auch wenn es in der Hauptsaison etwas belebter zu und her gehen dürfte als an diesem Märzvormittag, auf den Abfahrten geht der Platz garantiert nicht aus.

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Nicht nur für den Seilbahnfan ist die Kombination aus Fachwerkstützen, blauem Himmel und weitgehend unberührten Hängen ein Genuss.

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Anders als die Talstation ist die bergseitige Umlenkung im klassischen Wellblechdesign gehalten. Der laute Antrieb ist bereits von weitem zu hören.

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Der Ausblick von der Bergstation der Sesselbahn Pizzet in Richtung Samedan kann sich sehen lassen. Gleiches gilt allerdings auch für nahezu alle anderen Ecken im Skigebiet von Zuoz, an denen man einen Stopp einlegt. Die grandiose Landschaft ist eben einfach immer wieder aufs Neue reizvoll.

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Auf einer der beiden Abfahrten auf dem Weg zurück ins Tal. Die kerzengerade Trassierung entlang der Aufstiegshilfe wirkt auf den ersten Blick etwas ideenlos, ist aber seit jeher eines der Markenzeichen von Zuoz. Und sie lädt zu sportlichem Höhenmeterfressen ein. Deren 600 sind es pro Fahrt.

Die Tücken der Sesselbahn Albanas

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Auch am Schlepplift Albanas findet sich während vieler Jahrzehnte der genau gleiche Pistenaufbau. Seit dem Ersatz durch die heutige Sesselbahn hat sich das geändert. Durch die Versetzung der Talstation aus dem Dorf heraus steht die Sesselbahn nun quer zum Hang. Auch die Pisten weisen in diesem Bereich nun zahlreiche Schrägfahrten auf.

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Dafür erhält man während der Fahrt einen spannenden Panoramablick auf Zuoz und das Übungsgelände. Der zugehörige Schlepplift Survih ist gleichzeitig auch der letzte verbliebene Zubringer ins Skigebiet für die Bewohner aus dem Dorf.

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Bereits kurz nach der Talstation kreuzen sich die Sesselbahn Albanas und der Schlepplift Survih. Letzterer besitzt an dieser Stelle auch noch eine Zwirbelkurve. Eine recht einmalige Kombination!

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Die Anbindung der Sesselbahn Albanas ist gegenüber dem Vorgänger deutlich verbessert worden. Allerdings ist die Erschliessung der Pisten durch die Schrägfahrt eher suboptimal gelöst. Nicht nur die Trassierung der Bahn mutet etwas merkwürdig an, auch die in der Bildmitte ersichtliche Querfahrt von den Pisten im östlichen Bereich zurück zur Talstation vermittelt den Eindruck, dass hier eigentlich mehr möglich wäre.

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Im oberen Teil setzt die Sesselbahn zum Schlussanstieg an. In der linken Bildecke hat sich auch die Bergstation des Vorgängers mit aufs Foto geschlichen.

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Die Bergstation inmitten der endlosen weissen Wüste. Und ja, der Hang schreit förmlich nach einer zweiten Sektion.

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Doch auch so sind die Abfahrten am Albanaslift genussvoll. Ähnlich wie am Pizzet sind die Pisten wie hier ersichtlich durchaus anspruchsvoll. Ein direkter Rückweg nach Zuoz würde diesen Bereich dennoch massiv aufwerten.

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Ausblicke von der Bergstation Albanas.

Survih und das Übungsgelände von Zuoz

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Das Ganze von der anderen Seite des Skigebiets gesehen. Im Vordergrund dreht der Schlepplift Survih seine Runden.

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Für den fortgeschrittenen Skifahrer mag die Anlage keine Bedeutung besitzen, aus seilbahntechnischer Sicht ist sie mit ihrer Zwirbelkurve aber durchaus eine Fahrt wert.

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Die farbenfrohe Zwirbelkurve von Nahem.

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Parallel zum Schlepplift Survih verläuft im unteren Teil ein kleiner Seillift. Der einstige Schlepplift Crasta – wie der noch bestehende Survih-Lift ein Produkt der Firma Städeli – musste der Talstation der neuen Albanas-Sesselbahn weichen. Im Hintergrund schlägt die Glocke der Dorfkirche zwölf Mal – Zeit für eine kleine Stärkung.

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Mit dem Schlepplift Survih geht es bald darauf wieder zurück ins Skigebiet. Von seiner Bergstation aus sind alle anderen Anlagen auf direktem Weg erreichbar.

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Nach einigen weiteren Fahrten an den Sesselbahnen Pizzet und Albanas nimmt der Skitag an der Strasse nach Madulain sein Ende. Mittlerweile hat die Märzsonne den Neuschnee weitestgehend von der Strasse gefegt. Auf dem danebenliegenden Parkplatz dominiert aber nach wie vor die Farbe weiss. Doch auch jetzt, wo vier Glockenschläge aus dem Dorfzentrum zu hören sind, haben sich die Reifenspuren kaum merklich vermehrt.

Zuoz – charmant und ursprünglich

Zuoz ist kein Name, dem im Marketing der Engadiner Bergbahnen ein grosser Stellenwert eingeräumt wird. Es sind die klingenden Orte wie St. Moritz, Corviglia, Corvatsch und Diavolezza, die auf den Werbeplakaten und Webseiten zuerst zu finden sind. Zweifelsohne haben auch diese Anziehungspunkte ihren Reiz inmitten der Engadiner Bergwelt. Doch auch das etwas unscheinbarere Zuoz verdient es, im erlesenen Kreis der Südbündner Skigebiete Erwähnung zu finden. Nur wenige Kilometer von St. Moritz entfernt – und doch könnte der Kontrast zu einem der nobelsten Skiorte der Alpen kaum grösser sein. Fünf Seilbahnanlagen, zahlreiche anspruchsvolle Abfahrten und ein charmantes, trotz des Tourismus ursprünglich gebliebenes Dorf.

Und doch mangelt es in Zuoz an keinerlei Annehmlichkeiten. Die Seilbahnen sind modern, die Entlastung des Dorfkerns durch die Umstrukturierung des Skigebiets in den letzten Jahren hat Zuoz gut an neue Gegebenheiten angepasst. Einzig die suboptimale Trassierung der Sesselbahn Albanas trübt den überaus positivem Eindruck ein wenig. Das tut dem Skigebiet insgesamt gesehen zwar keinen Abbruch. Aber eine Erschliessung des Albanas mit dem altehrwürdigen Schlepplift aus dem Dorf auf der Diretissima wäre nicht nur für den Seilbahnnostalgiker auch heute noch die bessere Alternative.

Wer ein Kleinod ohne die Hektik eines Grossskigebiets sucht, der wird in Zuoz fündig. Die Saison ist von Dezember bis März deutlich kürzer als in den umliegenden Skigebieten, doch ein Besuch in dieser Zeit umso lohnender, wenn man sich die weitgehend unberührte Natur vor Augen führt. Egal ob für einen Tagesausflug oder einen Wochenurlaub – Zuoz wird garantiert nicht enttäuschen.

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